jaagobiggery wolt/ FluXxus 3D-Scan Party

Fabian Hesse & Mitra Wakil
Raum für Freunde, Kunstverein Wolfsburg
2018

Werde eine Kugel. 
Werde ein Quader. 
Werde eine Fluchtlinie. 
Werde ein Fluchtpunkt. 

Algorithmen sind die Sprache, mit der Maschinen Entscheidungen treffen. Jeder Algorithmus ist eine Sammlung an Anweisungen, und diese Anweisungen wirken immer stärker auf unser Sein in der Welt ein: die Interaktion mit Maschinen bestimmt uns und unser tägliches Leben inzwischen so grundlegend, dass Rafael Barber Cortell die Maschinen als einen Teil des zeitgenössischen menschlichen Körpers beschreibt.

Ist es möglich sich und seinen Körper aus dieser Interaktion zu emanzipieren oder sich dieser sogar zu verweigern, sie zu manipulieren? Könnte das Zulassen oder Verstärken von Unbestimmbarkeiten innerhalb der Mensch-Maschine-Interaktion einen Freiraum entstehen lassen? Und wenn ja: welche Körperbilder würden diesen bewohnen? Etwas sichtbar zu machen bedeutet immer auch es zu identifizieren und aus der Darstellung dessen Bedeutung zu ermitteln – wie kann diese, nach Hanne Loreck, exklusive Funktion der Sichtbarmachung ausgehebelt werden?

Mit „Jaagobbigery wolt” (2018) setzen Mitra Wakil und Fabian Hesse ihre künstlerische Forschung über die Datifizierung von Körpern fort. Dabei haben die Künstler*innen die Räumlichkeit des Kunstvereins Wolfsburg zugleich als Ausstellungsraum, aber auch als aktiven und funktionierenden Scan-Raum markiert/ gesetzt. So finden sich beispielsweise Scan-Markierungen im Raum, die sowohl Funktionalität, als auch ästhetische Wirkung besitzen, während sogenanntes Coded Light – ein für den Scanprozess benötigtes, strukturiertes Steiflichtmuster – den Raum bestrahlt und potentiell scannt. „Jaagobbigery wolt” entwickelt sich aus bzw. in drei Schritten: einer ersten räumlichen Setzung im Ausstellungsraum; dem Eingreifen von Körpern (Besucher*innen) auf diese Setzung/Situation im Rahmen der „FluXxus 3D-Scan Party“; dem Zusammentragen von Elementen aus diesen beiden Teilen/Schritten in eine neu-strukturierte Raumkonstellation. Insofern sind Transformation, kollektive Partizipation, Offenheit und ein fluider Umgang mit Materialität wichtige Bestandteile des Projekts.

Die Ausstellung, deren Titel das Zufallsprodukt eines 3D-Programm-Algorithmus ist, aktiviert einen Grenzbereich in dem Kunst, ein experimenteller Umgang mit neuen Technologien und Strategien demokratischer Selbstermächtigung durch (techno-logische) Bildung zusammen kommen. Markiert wird dieser Zwischenbereich durch das flackernde Streiflicht, das nicht für das menschliche Auge gemacht, sondern für die maschinelle Wahrnehmung entwickelt wurde und hier, anstatt Bildsystemen die Berechnung von Tiefen- und Oberflächeninformationen zu ermöglichen, wie ein (impotenter) Verfremdungs- oder Störeffekt wirkt. Inhaltlich untersucht das Künstler*innen-Duo erneut die Datenerfassung, aber auch die Standardisierung von Körpern und referiert auf den experimentellen Umgang mit Technologie, der die Kunstrichtung Fluxus ab den 1960er Jahren unter anderem auszeichnete. So haben Hesse/Wakil zwei online gekaufte 3-D-Renderings „genormter“ Frauenkörper zu einer lebensgroßen Skulptur zusammengebaut und in den Ausstellungsraum gesetzt, die bewusst Störungen und Daten-Glitches herausarbeitet und eine Art De-Normierung darstellt. Dem gegenüber stehen die Scores, also Anleitungen für performative Aktionen, die zum Teil historisch oder aus dem „Fluxus Performance Workbook“ (2002) entnommen und zum Teil für die Ausstellung neu entwickelt wurden. 

Die Verweigerung Körper zu standardisieren oder zu kategorisieren findet sich schon in früheren Arbeiten der Künstler*innen. Für „Jaagobbigery wolt” gehen die beiden noch einen Schritt weiter: während der „FluXxus 3D-Scan Party“ bieten sie Besucher*innen die Scores an, um die im Scan-Prozess-befindlichen Körper in Bewegung zu setzen und deren Datenerfassung potentiell zu verhindern. „Become Invisible,“ fordert etwa eine Handlungsanweisungen, inspiriert von der Fluxus-Künstlerin Bici Forbes (später Nye Ffarrabas) die Besucher*innen auf, „by hiding; by going away; by sinking through the floor; by becoming someone else; by ceasing to exist.“ Die choreografischen Scores erlauben das schöpferischen Potential der Technologien auszuloten und bieten zugleich die Möglichkeit sich vor der digitalen Erfassung zu verstecken. Hesse/Wakil behandeln die Körper selbst als Werkzeuge und ermächtigen so die Besucher*innen zu Akteur*innen innerhalb der Ausstellung zu werden. Denn diese können mit ihren eigenen Körpern – ähnlich wie mit einem Pinsels auf einer Leinwand – durch die Interaktion mit dem Scanner auf der Projektionsfläche Formen und Figuren entstehen lassen. Die vom Scanner erzeugten Bilder speisen sich und damit die Körper der Akteur*innen – vom bildgebenden Programm zur ausgehöhlten Hülle transformiert –  als Daten wieder in die Zirkulation der Bilder im Internet ein, doch nicht als nützliche Datenerkennung, sondern als Störmoment. Denn die abgebildeten Posen lassen die Brüche und Imperfektionen in der Interaktion von Maschine und Mensch sichtbar werden und verweisen auf Zufälle, Störungen, glitches und letztlich auch Verweigerung innerhalb dieser Beziehung.