jaagobiggery wolt/ FluXxus 3D-Scan Party

Fabian Hesse & Mitra Wakil
Raum für Freunde, Kunstverein Wolfsburg
2018

Mit „jaagobbigery wolt” (2018) setzen Mitra Wakil und Fabian Hesse ihre künstlerische Forschung über die Datafizierung von Körpern fort. Dabei haben die Künstler*innen die Räumlichkeit des Kunstvereins Wolfsburg zugleich als Ausstellungsraum, aber auch als aktiven und funktionierenden Scan-Raum markiert/gesetzt. So finden sich beispielsweise Scan-Markierungen im Raum, die sowohl Funktionalität, als auch ästhetische Wirkung besitzen, während sogenanntes Coded Light – ein für den Scanprozess benötigtes, strukturiertes Streiflichtmuster – den Raum bestrahlt und potentiell scannt. „Jaagobbigery wolt” entwickelt sich in mehreren Schritten: einer ersten räumlichen Setzung im Ausstellungsraum; dem Eingreifen von Körpern (Besucher*innen) in diese Situation im Rahmen der „FluXxus 3D-Scan Party“; dem Zusammentragen von Elementen aus diesen Teilschritten in eine neu-strukturierte Raumkonstellation. Insofern sind Transformation, kollektive Partizipation, Offenheit und ein fluider Umgang mit Materialität wichtige Bestandteile des Projekts.

Die Ausstellung, deren Titel das Zufallsprodukt eines 3D-Programm-Algorithmus ist, aktiviert einen Grenzbereich in dem Kunst, ein experimenteller Umgang mit neuen Technologien und Strategien demokratischer Selbstermächtigung durch (techno-logische) Bildung zusammen kommen. Markiert wird dieser Zwischenbereich durch das flackernde Streiflicht, das nicht für das menschliche Auge gemacht, sondern für die maschinelle Wahrnehmung entwickelt wurde und hier, anstatt Bildsystemen die Berechnung von Tiefen- und Oberflächeninformationen zu ermöglichen, wie ein (impotenter) Verfremdungs- und Störeffekt wirkt.

Inhaltlich untersucht das Künstler*innen-Duo erneut die Datenerfassung, aber auch die Standardisierung von Körpern und referiert auf den experimentellen Umgang mit Technologie, der die Kunstrichtung Fluxus ab den 1960er Jahren unter anderem auszeichnete. So haben Hesse Wakil zwei online gekaufte 3D-Modelle „genormter“ Frauenkörper zu einer lebensgroßen Skulptur neu zusammengefügt und in den Ausstellungsraum gesetzt, die bewusst Störungen und Daten-Glitches herausarbeitet und eine Art De-Normierung darstellt. Dem gegenüber stehen die Scores, also Anleitungen für performative Aktionen, die teils historisch, dem „Fluxus Performance Workbook“ (2002) entnommen, teils für die Ausstellung neu entwickelt wurden.  

Die Verweigerung Körper zu standardisieren und zu kategorisieren findet sich schon in früheren Arbeiten der Künstler*innen. Für „jaagobbigery wolt” gehen die beiden noch einen Schritt weiter: während der „FluXxus 3D-Scan Party“ bieten sie Besucher*innen die Scores an, um die im Scan-Prozess-befindlichen Körper in Bewegung zu setzen und deren Datenerfassung potentiell zu verhindern. „Become Invisible“ fordert etwa als Handlungsanweisung, inspiriert von der Fluxus-Künstlerin Bici Forbes (später Nye Ffarrabas) die Besucher*innen auf, „by hiding; by going away; by sinking through the floor; by becoming someone else; by ceasing to exist.“ Die choreografischen Scores erlauben das schöpferische Potential der Technologien auszuloten und bieten zugleich die Möglichkeit sich vor der digitalen Erfassung zu verbergen. Hesse Wakil behandeln die Körper selbst als Werkzeuge und ermächtigen so die Besucher*innen zu Akteur*innen innerhalb der Ausstellung zu werden. Denn diese können mit ihren eigenen Körpern – ähnlich wie mit einem Pinsels auf einer Leinwand – durch die Interaktion mit dem Scanner auf der Projektionsfläche Formen und Figuren entstehen lassen. Die vom Scanner erzeugten Bilder speisen sich und damit die Körper der Akteur*innen – vom bildgebenden Programm zur ausgehöhlten Hülle transformiert – als Daten wieder in die Zirkulation der Bilder im Internet ein, doch nicht als nützliche Datenerkennung, sondern als Störmoment. Denn die abgebildeten Posen lassen die Brüche und Imperfektionen in der Interaktion von Maschine und Mensch sichtbar werden und verweisen auf Zufälle, Störungen, glitches und letztlich auch Verweigerung innerhalb dieser Beziehung.