Westpark Clouds

Westpark Clouds

public art sculpture, aluminium, 4 x 2 x 2 m, Munich 2016;
Fabian Hesse & Mitra Wakil

Mit der lebensgroßen Skulpturengruppe Westpark Clouds reagierten Fabian Hesse und Mitra Wakil auf die Einladung für ein neu entstehendes Wohnquartier im Münchner Westpark eine künstlerische Arbeit im öffentlichen Raum zu entwickeln. Der inhaltliche Ausgangspunkt des Projekts trägt einen utopischen Ansatz in sich: ein neu entstehendes Retorten- oder Planviertel und damit die Entwicklung einer sich neugründenden Gemeinschaft, in der Routinen wie Regeln des Zusammenlebens erst formuliert und ausgehandelt werden müssen. Hesse und Wakils Arbeit greift diesen Gedanken auf: Westpark Clouds zeigt eine zweiteilige Figurengruppe, entwickelt aus den manipulierten und bearbeiteten 3D-Scans der neu hinzugezogenen BewohnerInnen, deren Entstehung und Präsentation den Gedanken einer demokratischen Gemeinschaft in sich trägt. Mittels 3D-Scanverfahren wurden dabei zunächst Einzelscans der BewohnerInnen hergestellt, die im nächsten Schritt übereinandergeschichtet wurden. So entstand eine bildnerische Vorlage, die Hesse und Wakil im Arbeitsprozess mithilfe von 3D-Modellierprogrammen künstlerisch bearbeitet und gestaltet haben, und die anschließend im 3D-Druckverfahren in Quarzsand gedruckt und schlussendlich in Aluminium abgegossen wurde.

Fabian Hesse und Mitra Wakil thematisieren in Westpark Clouds das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Kollektiv ähnlich wie Auguste Rodins Skulpturengruppe Die Bürger von Calais, die als erstes wahres Bürgerdenkmal der europäischen Moderne gilt. Indem Hesse und Wakil zwei Hauptgruppierungen etablieren und so, wie Rodin, auf eine zentrale Ansicht oder Hauptfigur verzichten und die Gruppe ohne Sockel präsentieren – um die Hierarchie zwischen BetrachterInnen und Werk aufzuheben – etablieren die KünstlerInnen eine Demokratisierung der Skulpturengruppe. Die Betrachterinnen und Betrachter selbst werden hier zu einem Teil der Arbeit, in dem sie sich, um die gesamte Skulptur zu erfassen, um die Figurengruppe bewegen und immer neu positionieren müssen. Während Rodin die Hände und Füße der individuellen Figuren vergrößerte, um den Figuren expressionistische Züge zu verleihen, installieren Hesse und Wakil „glitches“ in ihr Werk, indem sie Doppelungen, Überlagerungen, Leerstellen und Fehlinterpretationen, also Strukturen, die bereits in dem technischen Scan-Verfahren angelegt sind, einbauen oder verstärken. Mit Westpark Clouds geht es dem KünstlerInnen-Duo nicht um ein Duplizieren oder ein genaues Abbilden der Natur, sondern viel mehr um den Versuch Realität anders zu denken an einem Ort, dessen Potentiale erst noch entwickelt und beschrieben werden und der sich so noch durch große Offenheit auszeichnet. Das Ergebnis ist eine Darstellung unterschiedlicher Perspektiven in einem Bild, bei dem beispielsweise die BetrachterInnen aufgrund der eingebauten Verschiebungen und Manipulationen von den (mögliche) Frontansichten keine Vorstellung der jeweiligen Rückseite entwickeln können.

Die Entscheidung mit dem 3D-Scanverfahren zu arbeiten, liegt in dem Wunsch begründet die Plastik im partizipatorischen Austausch mit den BewohnerInnen des neu entstehenden Viertels zu entwickeln. So wurde über ein Wochenende eine temporäre Scan-Station eingerichtet, die als ein temporärer Ort der sozialen Begegnung, eine Art Bühne des Selbst bildete. Die teilnehmenden BewohnerInnen erlebten durch den performativen Akt des Scannens ungewohnte, virtuelle körperliche (Selbst)Wahrnehmungen und erprobten zugleich die Nutzungs- und Gestaltungspotentiale der 3D-Technologie. Mit dieser Aktion wurde bewusst ein direkter Kontakt mit den BewohnerInnen gesucht und an einen Grundsatz des „open designs“ angeknüpft, nämlich durch den Austausch von Wissen, Ideen und Fähigkeiten, eine demokratische Teilhabe zu ermöglichen. Durch die Einladung und das gemeinsame Scannen wurde während der Scan-Zeit ein gemeinschaftlicher Moment in den Entstehungsprozess eingeschrieben und ein sozialer Aspekt in der Rolle und Funktion angelegt, die die Skulptur als Kunstwerk im öffentlichen Raum in sich trägt: Sie thematisiert aktuelle Bezüge zum Ort, interveniert dort und lenkt die Aufmerksamkeit auf aktuelle inhaltliche Auseinandersetzungen.

Die hochauflösende Qualität der entstandenen Scans ermöglichte später den 3D-Druck hyperrealistischer Skulpturenelemente. Während Darstellungstechniken normalerweise Körper-Bilder erzeugen, die Zufälle, Schwankungen, Unregelmäßigkeiten und Brüche glätten, nutzen Hesse und Wakil die etwaigen „Scanfehler“ produktiv und lassen die komplexen, visuellen und ordnenden Strategien solcher Vermessungstechniken sichtbar werden: Der Prozess des 3D-Remix, also der bildlichen Zusammenfügung, hinterfragt das Moment der technischen Aufnahme und ihr Realitäts- und Repräsentationsversprechen. Indem mehrere Bilder, die zu verschiedenen Zeiten aufgenommen wurden, einen einzigen Aufnahmezeitpunkt suggerieren, wird die Aufnahme zu einem fiktiven Abbild. In diesen Überlappungen greifen die diversen Scans der einzelnen BewohnerInnen so ineinander über, dass ihre Grenzen nicht mehr eindeutig erkennbar sind. Das Ergebnis sind zwei Skulpturengruppen, deren Einzelfiguren durch Verschiebung und Kombinatorik in eine Art gemeinsamer „Hypernähe“ versetzt werden, dabei jedoch immer als Individuum bestehen bleiben. In Opposition zu zeitgenössischen Verfahren der Disziplinierung der Körper, etwa durch datenerfassende und numerische Kontroll- und Optimierungsverfahren, entwickeln Hesse und Wakil jedoch einen lustvollen Umgang mit der Technik. Ihr Interesse gilt nicht der Perfektheit der digitalen Oberflächen, stattdessen entwickeln sie einen spielerischen Umgang mit den Zufälligkeiten, dem Noise und den Fehlern der Technik. Sie versuchen neue kulturelle Codes, Betrachtungs- und Lesebedingungen und neue Möglichkeiten für figurative und abstrakte Displays zu erfinden und erproben so, was die neuen Formen numerisch-basierter Modellierungen und Darstellung sein könnten. Im Prozess der Modellierung arbeiten Hesse und Wakil bewusst mit Verfremdungsmitteln, die die Anordnung, Überlagerung, Skalierung, Unschärfe, Verdopplung, Spiegelung, Verzerrung und Verclusterung beeinflussen oder erzeugen. So arbeiten sie unter anderem mit den Größendimensionen, Copy&Paste, Sculp-tools und Mesh-Auflösungsverfahren, die an bestimmten Bereichen der Skulptur die technisch-bedingten Dreiecksgitterstrukturen zum Vorschein bringen. Hesse und Wakil nehmen die „glitches“ und Fehler des Scanprozesses nicht nur bewusst in kauf, sondern sie forcieren diese. Die physische Präsenz der finalen Skulptur changiert zwischen Fragment, Abstraktion, Überlagerung, Verzerrung und Verwischung. Sie präsentiert ein Nebeneinander von hyperrealistischen Scans einzelner Körperpartien – etwa einer Hand, in denen feinste Strukturen sichtbar werden – mit dem haptischen Eindruck textiler Oberflächen und bis zur Unkenntlichkeit überlagerter Skulpturenfragmente. Gemeinsam bilden sie die hybriden Elemente der Skulptur. Eine Schwierigkeit dieser Praxis ist die unglaubliche Masse an Daten, aus denen Hesse und Wakil eine Arbeit entwickelt haben, die trotz Expressivität eine Neutralität des Ausdrucks beibehält. Es war den beiden KünstlerInnen wichtig in der Skulptur keine Narration anzulegen, sondern stattdessen die reine Präsenz der einzelnen Figuren herauszuarbeiten. Westpark Clouds spiegelt einerseits eine Intimität durch die Nähe, Verschmelzung und Überlagerung der Körper wieder, legt aber zeitgleich Wert auf die Autarkie der einzelnen Figuren – so entsteht in der Skulptur, wie auch in dem Planviertel, ein widersprüchlicher Moment von sozialer Gemeinschaft wie distanzierter Anonymität gleichermaßen.

Die Nutzung des 3D-Modellierungs- und Druckverfahrens in der Produktion der Skulptur hatte für Hesse und Wakil viele Möglichkeitsräume des skulpturalen Arbeitens eröffnet. Die versammelte Datenmasse der abgebildeten BewohnerInnen war erheblich und brachte die eingesetzte Hardware und Software vielfach an deren Kapazitätsgrenzen. Zugleich ist das Experimentieren mit neuen Technologien – und wie dadurch die Darstellung und Wahrnehmung völlig neu konstruiert, manipuliert und verändert werden kann – ein inhaltliches Interesse, zu dem die beiden KünstlerInnen immer wieder arbeiten. Nach dem digitalen Modellierungsprozess, und der damit verbundenen Suche nach der richtigen Anordung der Figurelemente, wurde die Skulptur zuerst mithilfe eines industriellen 3D-Drucker in Quarzsand gedruckt und anschließend in Aluminium gegossen. Die Entscheidung Aluminium zu verwenden, war ein bewusster Schritt weg von anderen traditionelleren und historisch aufgeladenen Gussmetallen. Zudem lässt das Material die Skulptur vor Ort im Westpark durch seine Helligkeit und den leichten Glanz viel fragiler, fast unwirklich wirken und gibt der kaleidoskopartige Verschiebung oder Verschachtelung der Westpark Clouds eine eigene Leichtigkeit. Hesse und Wakil haben die Skulptur auf einer Art grünen Insel vor einem zentralen Einkaufsplatz positioniert und diese damit zeitgleich als einem Ort des Verweilens markiert. Die Wirksamkeit der Figurengruppe Westpark Clouds beruht auf dem Moment der unerwarteten Begegnung und der Aneignung, beziehungsweise Umdeutung dieses Orts.